2021 Demenzcafe des Freiwilligenzentrums

in den Räumen des Demenzja in Bad Nauheim-Wisselshein im Södeler Weg 2

Wetterauer Zeitung 24.03.2021

WENN CORONA NICHT BEGREIFBAR IST – Demenz-Betreuung in Bad Nauheim: Trotz allem nah am Menschen

Von Hanna von Prosch

Für demenziell Erkrankte ist Corona nur ein Wort. Umso mehr muss eine Einrichtung wie die Tagesstätte »Demenz-Ja« in Wisselsheim darauf achten, dass alle Regeln penibel eingehalten werden.

Heidy Lang, Leiterin der Tagesstätte »Demenz-Ja« im Bad Nauheimer Stadtteil Wisselsheim, Martina Huber und Peter Kleinstricker sind ausgebildete Senioren- und Demenzbegleiter. Vier bis fünf an Demenz erkrankte Gäste betreuen sie jetzt täglich, manche nur am Nachmittag oder an einzelnen Wochentagen. Alle drei sind Seiteneinsteiger. Alle drei haben ein Händchen für die alten Menschen.

Im ersten Lockdown musste die Einrichtung für zehn Wochen schließen. Für die dementen Menschen bedeutete dies, neu Vertrauen zu fassen, was aber gut gelang. Dennoch kommen drei Gäste nicht, weil die Angehörigen Sorge vor Ansteckung haben. »Es ist bisher niemand erkrankt«, sagt Heidy Lang, »aber wir sind auch extrem vorsichtig.« Dabei sehen sie die Verantwortung für ihre Kunden auch darin, sich selbst im Privatleben zurückzunehmen.

Am Eingang zu dem rund 100 Quadratmeter großen, in Wohn- und Essbereich aufgeteilten Raum steht ein Desinfektionsmittel-Spender, das Temperaturmessegerät liegt gleich daneben. Sobald die Anzeige des Lüfters von Blau auf Rot springt, werden zwei Türen zum Durchzug aufgemacht. Der museal eingerichtete Wohnzimmerbereich ist so geräumig, dass Couch und Sessel weit genug von einander weg stehen. Am Anfang hatte das Team versucht, Stühle am Tisch mit Puppen zu besetzen. Wer dort Platz nehmen wollte, räumte sie einfach weg, so wie immer. Also wurden die überzähligen Stühle weggeschafft.

Schwierig zu vermitteln, dass man sich nicht die Hand geben sollte

In der Pandemie müssen die Betreuer – noch mehr als sonst – die Augen überall haben. »Wir können schließlich den dementen Menschen nicht klar machen, dass sie sich nicht die Hand geben sollen. Also stehen wir ständig mit Desinfektionsmittel bereit«, erzählt Kleinstricker, während er den Servierwagen mit der Blechdosenpyramide zum Abwurf-Spiel bereitstellt. Die Kunden nehmen auch ihre Masken wieder ab. »Wollen Sie einem Demenzkranken widersprechen, wenn er überzeugt sagt, er hätte kein Corona?«, fragt Huber. »Auch unsere Masken sind ihnen egal. Sie fragen nicht, was das soll.« Ganz sicher wollen Lang und das Team nicht auf die Berührung verzichten, wenn jemand unruhig ist oder eine tröstende Umarmung braucht. Nähe müsse bei aller Vorsicht möglich sein.

Jeden Montag wird das Personal getestet. Die Tests bezahlt Lang selbst. Jetzt wartet die Chefin auf ihren eigenen Impftermin. Von den Kunden weiß sie nur von einem Herrn, der bisher geimpft wurde, und von einem, der wartet. Bei anderen kümmern sich die Kinder. »Wir versuchen, den Angehörigen die Notwendigkeit klar zu machen und ihnen alle Hilfen anzubieten. Aber das sind oft betagte Ehepaare, die völlig unbeholfen sind. Manche wollen sich auch nicht impfen lassen«, beschreibt Huber die Situation.

Grammophon und Holzspielzeug

Demenz-Café des Freiwilligenzentrums

Freitags und mittwochs, wenn sich Angehörige und Erkrankte beim Demenz-Café des Freiwilligenzentrums in den Räumen treffen, ist Lang nur für die Angehörigen da. »Die brauchen mich jetzt fast mehr als die Erkrankten.« Individuelle Betreuung liegt ihr am Herzen. Das schätzen auch die Angehörigen. So ist sie froh, dass wenigstens ihre Stammkunden regelmäßig gebracht werden. »Es sind zu viel, um zu schließen, und zu wenig, um wirtschaftlich gut durchzukommen«, bringt sie ihre Lage auf den Punkt. »Trotz Einschränkungen haben wir noch Kapazitäten.«

Geduldig und bestimmt gehen die insgesamt vier Betreuer mit den dementen Menschen um. Hier haben sie Abwechslung: Sie machen Musik, das Grammophon spielt, Ballfangen sorgt für Spaß, man kann sich mit Puppen und Holzspielzeug beschäftigen oder ausruhen. »Wir haben zwar unser Programm, aber manchmal geht einfach nichts zusammen. Dann beschäftigen wir uns eben mit jedem einzeln. Niemand soll überfordert werden«, sagt Huber. Die beste Mitarbeiterin aber ist Heidy Langs ShihTzu-Pudel-Dame Lilly. Sie ist der Liebling aller und sorgt immer für gute Laune.

Eng vernetzt

In der Tageseinrichtung »Demenz-Ja«, die überwiegend, aber nicht nur für Menschen mit Demenz da ist, musste während der Pandemie die Gruppenzahl reduziert werden. Da Heidy Lang zeitlich sehr flexibel ist, kann sie auch jetzt noch Kunden aufnehmen. Die Angehörigen kommen zum Bringen und Abholen nur an die Tür. Zuhause seien die Kundinnen und Kunden nahezu isoliert, sagt Lang. Durch die sehr kleinen Gruppen ist intensive individuelle Betreuung möglich.

Heidy Lang ist eng vernetzt mit dem Freiwilligenzentrum Bad Nauheim, wo sie auch die Ausbildung gemacht hat. Ihr ehrenamtliches Engagement bringt sie in der Aktion »Silberstern« ein. Wenn ein dementer Mensch hilflos in der Stadt aufgefunden wird, nimmt sie ihn zunächst in der Tagesstätte auf, bis die Angehörigen gefunden sind. Das sei besser, als bei der Polizei zu sitzen, sagt sie. Während der Pandemie ist diese Möglichkeit begrenzt.